Warum panzerte Fahrzeuge auch in kommenden Gefechten eine tragende Rolle spielen
Die Debatte ist zugespitzt: Drohnen prägen das Gefechtsfeld, klassische Systeme wirken verwundbar – und der Kampfpanzer wird zunehmend infrage gestellt. Auch der Leopard 2 steht im Zentrum dieser Diskussion. Die Schlussfolgerung „Panzer sind überholt“ greift jedoch zu kurz.
Die Realität ist komplexer: Moderne Gefechtsfelder entwickeln sich zu hochvernetzten, sensorgetriebenen Räumen, in denen Sichtbarkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Informationsüberlegenheit entscheidend sind. Die zentrale Frage lautet nicht, ob der Leopard eine Zukunft hat, sondern: Wie muss er sich verändern, um in einem sich stets wandelnden Umfeld bestehen zu können.
Warum stehen Panzer aktuell unter Druck?
Alleine in den ersten eineinhalb Jahren der russischen Invasion hat die Ukraine mindestens 930 Kampfpanzer verloren. Dieser hohe Verlust setzt gepanzerte Plattformen wie den Leopard unter immensem Anpassungsdruck.
Der massive Einsatz von Drohnen hat die Transparenz und Dynamik des Gefechtsfelds grundlegend verändert. Bewegungen werden nahezu in Echtzeit erkannt, Ziele schneller aufgeklärt und effektiv bekämpft. Durch günstige und skalierbare Systeme entstehen permanent neue gravierende Bedrohungslagen, denn auch die beste Panzerung hat Schwachstellen.
Die Verdichtung von Sensorik innerhalb des Fahrzeuges, etwa durch optische Systeme, Infrarotsensoren oder auch Radar, unterstützt die Crew zwar in ihrer Mission, trägt aber gleichzeitig auch dazu bei, einen Panzer leichter detektierbar zu machen und damit die Verwundbarkeit weiter zu erhöhen, beispielsweise durch überraschende Angriffe aus der Luft oder aus großer Distanz.
Vor allem in der „hybriden Todeszone“ – besonders gefährlichen Frontabschnitte oder strategische Zonen, in denen moderne, oft automatisierte Waffensysteme und asymmetrische Taktiken kombiniert werden – ist das Risiko für konventionelle Panzersysteme enorm, wie die zahlreichen zerstörten Fahrzeuge im Osten der Ukraine beweisen.
Was sind die größten Herausforderungen?
Die wohl größte Herausforderung ist der Verlust relativer Unsichtbarkeit. Was früher durch Gelände, Tarnung oder Bewegung kompensiert werden konnte, wird heute durch gegnerische Sensorik und Vernetzung zunehmend aufgehoben.
Daraus ergeben sich mehrere konkrete Problemstellungen:
- die dringende Notwendigkeit, Bedrohungen wie Drohnen, aber auch Lenkflugkörper und verdeckte Aufklärung, deutlich früher zu erkennen.
- drastisch verkürzte Reaktionszeiten, die Entscheidungen unter hohem Zeitdruck erzwingen.
- die wachsende Komplexität des Gefechtsfelds, die zu einer kognitiven Überlastung der Besatzung führen kann.
Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von einzelnen Subsystemen, für die traditionelle Plattformen besonders anfällig sind. Fällt beispielsweise das Sichtsystem des Fahrers oder Richtschützen aus, kann dies unmittelbar die Wirksamkeit des gesamten Systems beeinträchtigen. Ein Risiko, das in einem hochdynamischen Gefecht kaum tolerierbar ist.
Die entscheidende Rolle des Panzers
Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Rolle des Kampfpanzers klar definiert. Plattformen wie der Leopard 2 oder der Puma sind nach wie vor ein probates Mittel, wenn es um geschützte Beweglichkeit, Durchsetzungsfähigkeit und die Kontrolle von Gelände geht.
Drohnen können aufklären, verzögern und punktuell wirken. Sie können jedoch keine Räume halten.
Genau hier liegt die unveränderte Stärke des Panzers. Seine Rolle verschiebt sich jedoch: Weg vom individuellen Gefechtsfahrzeug hin zu einem integralen Bestandteil eines vernetzten Systems aus bemannten und unbemannten Komponenten.
Panzer haben nie vollständig alleine, sondern immer im Zusammenspiel mit anderen Einheiten und Plattformen agiert. Der moderne Leopard und seine zukünftigen Ausprägungen heben diese Vernetzung und Interaktion mit eigenen Drohnen, Sensorplattformen und digitalen Führungsstrukturen auf ein neues Level.
Seine Wirksamkeit entsteht zunehmend aus dieser vernetzten Architektur.
Digitalisierung
Um verschiedene Systeme eines Panzers vernetzen zu können, müssen diese auf digitale Beine gestellt werden. Der Leopard-Ausstatter HENSOLDT hat beispielsweise seine klassischen Sichtsysteme für gepanzerte Fahrzeuge in digitalisierte Varianten überführt.
Seiner Vision von Software-Defined Defence folgend, hat der deutsche Rüstungshersteller bereits Ende 2024 drei neue, optronische Systeme für den Kampfpanzer Leopard 2A8 und den Schützenpanzer PUMA vorgestellt.
Diese neuen digitalen Bildverarbeitungssysteme bieten eine höhere Präzision und damit eine verbesserte Sensorleistung im Vergleich zu aktuellen analogen Optiken. Modernste, KI-gestützte Videoverarbeitung und Scanning-Technologie erhöhen die Aufklärungsleistung deutlich und verkürzen die Entscheidungszeit.
Insbesondere die neuen digitalen ATTICA-Wärmebildgeräte LWIR (Langwellen-Infrarot) und MWIR (Mittelwellen-Infrarot) bieten eine verbesserte Aufklärungsleistung auch bei schwierigsten Wetter- und Sichtverhältnissen.
Dadurch wird der Schutz von Kampffahrzeugen vor Angriffen und die Fähigkeit zur Bekämpfung gegnerischer Einheiten deutlich erhöht.
Das PERI RTWL Digital ist ein stabilisiertes, hochpräzises Beobachtungs- und Zielerfassungssystem, das speziell für die Panzer Leopard 2A8, PUMA und Boxer RCT30 entwickelt wurde. Es bietet dem Kommandanten eine verbesserte Sensorleistung im mittel- und langwelligen Infrarotbereich und ermöglicht eine präzise Zielerfassung unter allen Sichtbedingungen.
Die bewährten glas-optischen Kanäle werden durch Full-HD-Tagessichtkameras ergänzt, was die Leistung des Systems erheblich steigert. Gleichzeitig verfügt das System über fortschrittliche Videoverarbeitungsfunktionen und bietet eine Rundumsicht mit einem stabilisierten Sichtfeld, das sowohl für Beobachtungen im Nah- als auch im Fernbereich geeignet ist.
WAO Digital ist ein stabilisiertes, elektro-optisches Zielerfassungssystem mit großer Reichweite. Dank der hohen Leistungsfähigkeit seiner Sensoren und der daraus resultierenden Präzision gewährleistet es die Kampfbereitschaft der Plattformen auch unter widrigen Bedingungen.
WAO Digital verfügt über hochauflösende Infrarot- und Tageslichtsensoren, die stufenlos zoomen können und vollständig stabilisiert sind. Auch hier sorgt die Einhaltung von NATO-Standards für höchste Einsatzbereitschaft.
Schutz des Panzers
Selbst-Schutz ist im modernen Gefechtsfeld nicht mehr ausschließlich eine Frage von Panzerung. Entscheidend ist die Fähigkeit, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und ihnen aktiv zu begegnen. Das Neo-Systemhaus HENSOLDT, das seit vielen Jahren zu den Ausstattern des Leopard gehört, widmet sich diesen Herausforderungen mit mehreren Ansätzen:
Das Rundumsichtsystem SETAS (See Through Armour System) ist ein leistungsfähiges Tag- und Nachtbeobachtungssystem für gepanzerte Fahrzeuge aller Art. Das hochauflösende elektro-optische Sichtsystem bestehend aus hochauflösenden Farb-Tageslichtkameras und ungekühlten Wärmebildkameras gibt jedem Besatzungsmitglied die Möglichkeit, vom Fahrzeuginneren aus eine vollständiges visuelles Lagebewusstsein von 360 Grad rund um das Fahrzeug zu erhalten.
Bedrohungen in ihrem Aktionsradius können so frühzeitig und zuverlässig erkannt und klassifiziert werden. Bei Verwendung eines helmmontierten Displays als HMI kann ein Besatzungsmitglied im Fahrzeug praktisch durch die Panzerung hindurchsehen und so die gleiche Orientierung wie bei einer Beobachtung "von oben" erreichen. Intelligente Software-Algorithmen warnen die Besatzung automatisch, wenn eine potenzielle Bedrohung in der Nähe des Fahrzeugs erkannt wird.
Um vor allem Bedrohungen durch ATGMs und lasergelenkte Munition abzuwehren, wurde das multifunktionale Selbstschutzsystem MUSS entwickelt. Mit 350 Systemen der ersten Generation für den Schützenpanzers PUMA ist es derzeit das einzige weltweit in Serie gelieferte und operationell genutzte aktive Softkill-Schutzsystem für Bodenfahrzeuge. HENSOLDT hat die Fähigkeiten von MUSS weiterentwickelt, um sowohl bestehende als auch neu aufkommende Bedrohungen wie z.B. durch UAVs zu erkennen und abzuwehren.
Mit MUSS 2.0 bietet das deutsche Verteidigungsunternehmen ein NextGen Active Protection System (APS), d. h. ein aktives Schutzsystem der nächsten Generation, mit einer gestaffelten Schutzlösung für mittelgewichtige gepanzerte Fahrzeuge, selbstfahrende Artilleriesysteme, Schützenpanzer und eben auch Main Battle Tanks (MBT) wie den Leopard.
Ergänzend ermöglicht das brandneue ODAEON die frühzeitige Erkennung optischer Bedrohungen, etwa durch feindliche Zielsysteme oder Laseraufklärung. HENSOLDT hat dazu vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) den Auftrag zur Entwicklung eines Fähigkeitsdemonstrators erhalten.
Nach erfolgreicher Kundenabnahme (Concept Review) im Dezember 2024 wird derzeit ein Demonstrator auf Technologie-Reifegrad sechs (TRL6) vorbereitet, der ab diesem Jahr vom BAAINBw erprobt werden soll. In einem weiteren Schritt ist auch eine Fusion der Technologien von ODAEON und MUSS geplant, um einen umfassenden Schutzansatz zu gewährleisten.
Weitere Funktionen zum Schutz moderner Panzer stellen „Jamming“- und „Dazzling“-Technologien dar. „Jamming“ stört elektro-optische Systeme durch gezielte Störsignale, während „Dazzling“ optische Systeme wie Kameras und Zielerfassungsgeräte durch starke Lichtimpulse übersättigt.
Beide Verfahren erhöhen den Schutz von Fahrzeugen, indem sie die gegnerische Aufklärung und Zielerfassung wirksam beeinträchtigen.
Die wachsende Bedeutung von Software trägt auch zum Schutz gepanzerter Plattforen bei:
Optronische Systeme im Zusammenspiel mit smarten Software-Algorithmen eröffnen beispielsweise neue Möglichkeiten zur automatisierten Erkennung von Minen oder Bodenanomalien, was die Beweglichkeit und Sicherheit zusätzlich erhöht.
Das verhindert Situationen wie jüngst in der Ukraine, wo ganze Panzereinheiten durch unerkannte Minensperren zum Stehen gebracht wurden.
Erhöhte Wirksamkeit
Neben dem Schutz steht auch die Steigerung der Wirksamkeit im Fokus und sichert auch in Zukunft die Relevanz des Leopards. Diese beginnt mit der Fähigkeit, das Gefechtsfeld vollständig zu erfassen.
Systeme wie SETAS dienen nicht nur dem Schutz des Fahrzeugs, sondern tragen durch das gelieferte 360°-Lagebild auch zur verbesserten Gefechtsführung bei.
Dazu kann auch die Integration eigener Drohnen beitragen, um der Crew eine verbesserte Aufklärung weit über die direkte Sichtlinie hinaus zu bieten.
In Hinblick auf die Bewaffnung stehen größere Kaliber zur Diskussion, um gegen zunehmend bessere Panzerungen weiterhin wirksam zu bleiben.
Gleichzeitig kann eine Vergrößerung des Kalibers die Reichweite von Leopard & Co. perspektivisch über mehrere Kilometer hinaus erweitern.
Das ist zwar nicht für alle Streitkräfte relevant, doch in Regionen mit entsprechender Geographie würden damit die Anforderungen an Zielerfassung und Feuerleitsysteme wachsen, die durch Digitalisierung aber ebenfalls auf ein neues Level gehoben werden.
Hochstabile, präzise Sichtsysteme werden zur Voraussetzung für diese erweiterte Wirksamkeit, durch die zukünftige Kampfpanzer eine Art „Artilleriefunktion“ zusätzlich übernehmen könnten.
Sensordatenfusion und Missionsassisstenz
Schutzsysteme als auch Entwicklungen in Sachen Wirkung können ihr ganzes Potential nur entfalten, wenn die einzelnen Technologien vernetzt und orchestriert zum Einsatz kommen.
Auf dem digitalen Gefechtsfeld von heute mangelt es nicht an Sensoren. Isoliert eingesetzt führen die eingehenden Sensordaten aber schnell zur kognitiven Überlastung der Soldaten. Entscheidend wird in Zukunft daher die Fähigkeit, Daten über einzelne Systeme und Plattformen hinweg so zu fusionieren, dass daraus Entscheidungs- und Wirkungsüberlegenheit entsteht.
Mit Ceretron zeigt HENSOLDT einen innovativen Weg, die enormen Datenmengen von verschiedenen Sensorsystemen in Landfahrzeugen in den Griff zu bekommen und die Entscheidungsfindung zu erleichtern.
Die Software-Suite verknüpft und fusioniert Datenströme und wertet sie innerhalb von Sekunden aus, um der Besatzung ein KI-gestütztes Lagebild bereitzustellen. Dadurch können Entscheidungen schneller und fundierter getroffen werden.
Ceretron kann flexibel für verschiedene Anwendungen konfiguriert werden, darunter Beobachtung und Zielerfassung, Situational Awareness, Aufklärung und Überwachung sowie Plattform- und Selbstschutz.
Fazit
Der Druck auf den Kampfpanzer ist real, aber er bedeutet nicht sein Ende. Er markiert vielmehr den Beginn einer neuen Entwicklungsphase.
Der Leopard 2 bleibt ein zentrales Element moderner Streitkräfte, wenn er sich an die veränderten Bedingungen anpasst: durch Vernetzung, durch Sensorik und durch intelligente Schutzmechanismen.
Für HENSOLDT liegt der Schlüssel in dieser Transformation. Technologien zur Aufklärung, Vernetzung und Selbstschutz machen aus dem Leopard kein Relikt vergangener Gefechtsfelder, sondern ein System der nächsten Generation.
Nicht weniger Leopard ist die Antwort auf neue Bedrohungen – sondern ein besser vernetzter, besser geschützter und informationsüberlegener Leopard.
