Warum wir Industriekapazitäten und militärische Schlagkraft erhöhen müssen
Die geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre zeigen deutlich, dass der Wandel der Sicherheitslage in Europa kein vorübergehendes Phänomen ist. Er hat sich fest etabliert – politisch, militärisch und wirtschaftlich. Die Staaten richten ihre Kapazitäten neu aus, die Streitkräfte werden umstrukturiert, und die industriellen Kapazitäten werden in einem Tempo ausgebaut, wie es in Europa seit langem nicht mehr zu beobachten war.
Ein tiefgreifendes Umdenken
Ein wesentlicher Treiber ist das wachsende Selbstbewusstsein Europas. Was vor wenigen Jahren noch als politische Forderung formuliert wurde, ist heute operative Realität. Die Pariser Konferenz zu Beginn des Jahres 2026, bei der konkrete Truppenzusagen europäischer Staaten gemacht wurden, hat dies deutlich gemacht. Gleichzeitig sind die Verhandlungen im Ukraine-Konflikt praktisch ins Stocken geraten.
Der Bedarf an Verteidigungsfähigkeit hat sich von jedem konkreten Konflikt gelöst und ist struktureller Natur. Diese Entwicklung ist durch die Ereignisse im Nahen Osten seit Ende Februar erneut besonders deutlich geworden.
Dort hat sich innerhalb weniger Tage ein neues, hybrides militärisches Muster herausgebildet. Konventionelle Luftkriegsführung mit Raketen und Marschflugkörpern wurde mit Drohnenschwärmen kombiniert, die in großer Zahl eingesetzt wurden, um bestehende Luftabwehrsysteme gezielt zu überlasten.
Die oft diskutierte Dichotomie zwischen „Drohnen oder konventionellen Systemen“ löst sich in der Realität auf. Es geht um beides – gleichzeitig, in großer Zahl und mit zunehmender Geschwindigkeit.
Für die Verteidigungindustrie hat dies klare Konsequenzen. Es reicht nicht mehr aus, einzelne Systeme zu optimieren. Entscheidend wird das Zusammenspiel: Sensoren, die frühzeitig erkennen, elektronische Kriegsführung, die stört, Effektoren, die zuschlagen, und Software, die dieses Zusammenspiel in Echtzeit ermöglicht. Und genau dieses Zusammenspiel bildet den Kern der Kompetenz von HENSOLDT.
Gleichzeitig hat der Konflikt noch etwas anderes deutlich gemacht: In einer Krise kommt es nicht nur auf die Technologie an, sondern auch auf die Verfügbarkeit. Raketenbestände sind begrenzt. Die Nachproduktion braucht Zeit. Lieferfähigkeit und industrieller Maßstab werden somit zu einem zentralen Faktor für die militärische Wirksamkeit.
Skalierbare Bereitstellung – Integrierte Skalierungslogik
Wenn die Nachfrage strukturell wird, verschiebt sich der Maßstab. Es kommt nicht mehr auf die Strategie als Konzept an, sondern auf die Fähigkeit, sie umzusetzen. Die Initiative „Deliver at Scale“ ist die Antwort von HENSOLDT.
Dabei geht es jedoch nicht um eine einzelne Initiative. Es geht um die Fähigkeit, die Skalierung als integriertes System zu meistern – industriell, organisatorisch und technologisch. Die Skalierung beginnt in der industriellen Praxis.
Lassen Sie uns dies anhand eines konkreten Beispiels veranschaulichen: Noch vor wenigen Jahren produzierte HENSOLDT Radarsysteme als Einzelanfertigungen, etwa drei bis fünf Einheiten pro Jahr. Bis 2025 hatten wir die Produktion unserer großen Luftverteidigungsradare auf knapp 30 Systeme hochgefahren. Das war bereits ein bedeutender Schritt. Doch das ist nicht die Größenordnung, die wir in Zukunft benötigen werden. Unser Ziel für die kommenden Jahre ist eine Kapazität von mehreren hundert Radareinheiten pro Jahr. Lieferungen in die Ukraine und Programme wie die European Sky Shield Initiative (ESSI) zeigen bereits heute, dass diese Skalierung keine Theorie, sondern Realität ist.
Dieser Skalierungsweg ist repräsentativ für das, was wir unternehmensweit erreichen wollen. In den letzten Jahren haben wir unsere Produktionskapazität bereits um rund 30 Prozent gesteigert. Die nächste Stufe sieht eine weitere Verdopplung bis Anfang 2027 vor.
Konkret bedeutet dies: Wir erweitern unsere Standorte, investieren in zusätzliche Produktionsinfrastruktur und bauen Kapazitäten aus, arbeiten mit Industriepartnern im Rahmen von Lizenzproduktionen zusammen , all dies ergänzt durch gezielte M&A-Maßnahmen. Der Ausbau unseres Logistikzentrums stärkt unsere Materialversorgung, und unser Reparaturzentrum erweitert unser Dienstleistungsangebot für den Kunden über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Ein entscheidender Faktor in diesem Zusammenhang ist die Stabilität der Lieferketten. So hat HENSOLDT beispielsweise langfristige Verträge über rund eine Million Halbleiterkomponenten aus Galliumnitrid abgeschlossen und damit einen Engpass beseitigt, der unsere gesamte Radarproduktion bestimmt.
Gleichzeitig wächst unser Unternehmen. Wir haben geplant, in diesem Jahr rund 1.600 neue Mitarbeiter einzustellen – die Belegschaft, die zur Unterstützung dieser industriellen Expansion erforderlich ist.
Um unseren Personalausbau effizient zu gestalten, müssen wir – wie alle Branchen – kreativ sein und das gesamte Instrumentarium der Personalbeschaffung nutzen, einschließlich Partnerschaften mit Automobilunternehmen und Hochschulen.
Industrielle Kapazitäten allein reichen aber noch nicht aus. Sie müssen durch skalierbare Prozesse ergänzt werden, wie sie in der gewerblichen Industrie weit verbreitet sind. Aus diesem Grund hat HENSOLDT ein Transformationsprogramm ins Leben gerufen, das unsere Wertschöpfungskette systematisch anhand von Best-Practice-Erfahrungen aus anderen Bereichen weiterentwickelt.
Architektur und digitale Wertschöpfung
Neben industriellen Kapazitäten und Prozessen ist die technologische Architektur der dritte entscheidende Faktor für die Skalierung.
HENSOLDT entwickelt sich vom Sensorspezialisten zum Systemarchitekten und -integrator. Unser Ausgangspunkt bleibt die Sensortechnologie. Wertschöpfung entsteht jedoch dort, wo Sensordaten zusammengeführt, analysiert und für operative Entscheidungen nutzbar gemacht werden.
Mit MDOcore haben wir eine Plattform geschaffen, die genau das leistet. Für uns ist Software-Defined Defence (SDD) keine Zukunftsvision mehr, sondern wird bereits operativ umgesetzt. Systeme lassen sich per Software weiterentwickeln, Plattformen werden flexibler und Lebenszyklen werden verlängert.
Gleichzeitig erweitern wir unsere Fähigkeiten durch Partnerschaften nach einer klaren Logik. Gemeinsam mit zahlreichen Partnern setzen wir SDD in einsatzfähige Multi-Domain-Sensor-to-Shooter-Ketten um und verbinden unsere Sensortechnologie und MDOcore mit einer souveränen Cloud-, Fog- und Edge-Infrastruktur unter europäischer Kontrolle.
Insbesondere im Bereich der Drohnenabwehr arbeiten wir mit neuen Akteuren zusammen, um kostengünstige Abfangdrohnen in unseren „Elysion Mission Core“ zu integrieren – eine direkte Reaktion auf die Bedrohungslage, die wir zu Beginn beschrieben haben.
Was diese Partnerschaften verbindet, ist wichtiger als die einzelnen Vereinbarungen.
HENSOLDT verbindet drei Ebenen des sich entwickelnden Verteidigungsökosystems: agile Start-ups, souveräne Anbieter digitaler Plattformen und Systemintegratoren.
In einer Verteidigungsarchitektur, die auf Vernetzung und Interoperabilität setzt, wird Integration zu einer entscheidenden Fähigkeit.
Genau diese Rolle nehmen wir ein. Wir entwickeln uns zu einem „Neo-Systemhaus“ weiter.
Betrachtet man diese drei Ebenen gemeinsam, wird deutlich, was „Deliver at Scale“ für uns bedeutet. Wir steigern nicht nur die Produktion. Wir bauen ein ganzes System um.
Budgets
Wenn man von einer Skalierung spricht, geht es auch um die Bewertung von Größenverhältnissen: Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat für das Jahr 2025 insgesamt 103 Beschaffungsvorhaben mit einem Volumen von rund 83 Milliarden Euro gebilligt. Vor 2022 beliefen sich die jährlichen Verteidigungsausgaben auf 15 bis 20 Milliarden Euro im jahr. Wir sprechen also von einer Vervierfachung. Der Verteidigungshaushalt für 2026 beläuft sich auf rund 117 Milliarden Euro. Die neue Bundesregierung hat eine dauerhafte Aufstockung der Verteidigungsausgaben verankert. Beschleunigte Verfahren führen zu kürzeren Zyklen und mehr Direktvergaben.
Auf europäischer Ebene sorgen Programme wie SAFE mit einem Budget von 150 Milliarden Euro für zusätzliche Investitionsdynamik. Gleichzeitig schafft das Ziel, 55 Prozent der Beschaffungen innerhalb Europas zu tätigen, klare industriepolitische Perspektiven.
Was bedeutet das?
Die Nachfrage ist nicht nur sichtbar, sie ist auch vorhersehbar geworden. Und genau das verändert die Logik unseres Marktes. Wir agieren in einem Umfeld mit klaren Perspektiven und gleichzeitig hohen Anforderungen an die industrielle Umsetzung. Wer diese Anforderungen nicht erfüllt, wird ersetzt.
Wir bei HENSOLDT haben die Grundlagen geschaffen. Jetzt geht es um die Umsetzung. Daran werden wir gemessen werden.
